Heute kaum mehr vorstellbar, bestand die Schafbergbahn bis anno 1965 aus einem Einsessellift bis zur Gargellner Alpe, der heutigen Mittelstation, mit einer einzigen Abfahrt ins Tal. Dieses für einen aufstrebenden Wintersportort mehr als bescheidene Angebot ließ einer vergessen: Otto Rzipa aus Kramsach in Tirol.

Vom eigenen Reiz des Bergdörfleins bezaubert, trat er, von der Arlbergskischule Hannes Schneider in St. Anton kommend, 1948 in die Skischule Gargellen ein. Drei Jahre später übernahm er - nach Sepp Riezler und Ludwig Braunger- für die folgenden zwei Jahrzehnte deren Leitung, gleichzeitig die des Verkehrsvereins. Der hochgewachsene, hagere, braungebrannte Ski-, Berg- und Lawinenhundeführer mit dem dichten, weißen Haarschopf und dem markanten Profil wurde der legendäre „Skischulkönig von Gargellen".

Der Tourengeher aus Leidenschaft vermittelte seinen Skischülern die Faszination unberührter Tiefschneehänge und brachte sie mit Fellen unter den Skiern zu den Bergen und Jöchern um Gargellen. Ihre sportlichen Leistungen honorierte er mit den heißbegehrten alpinen Leistungsabzeichen in Gold, Silber und Bronze.

Ob Gästerennen bei Fackelschein oder Maskenläufe, Skilehrerballett oder Lawinenhundevorführungen, ob Fünf-Uhr-Tee oder Abend-Tanz bei LiveMusik mit tollen Bands - etwa dem Trio Novis mit Bandleader Fritz Aures oder der George Paez Group mit Lokalmatador Gustl Grabher als Gitarristen -, der „Skischulkönig" mit Namen „O. D." stand immer im Brennpunkt des Geschehens. „O. D." bedeutete der „Onkel mit der (Schäferhündin) Dinah"; Kindermund hatte den Namen für den bewunderten Lawinenhundeführer geprägt.

O. D. war kontaktfreudig und ein begeisterter Tänzer; ein vielseitig gebildeter und infolgedessen geistreich Plaudernder; ein Schreibender - noch einer in Gargellen -, der nicht nur etliches „in Wort und Bild" - mit trefflichen Karikaturen aus eigener Feder - veröffentlicht hat, sondern auch seiner jeweiligen Angebeteten zum Frühstück schon ein selbstverfaßtes Gedicht zu überreichen pflegte. Er hatte eine große Schwäche für schöne Frauen, was er- nicht nur - in der Kurzbiographie zu seinem Büchlein „Bergfrühling" zum Ausdruck brachte: „lch war und bin ziemlich oft verliebt". Wen wundert's, daß das touristische Leben in Gargellen über weite Strecken um Otto Rzipa sich drehte?

Das wunderbar weitläufige, vielseitige Skigelände um Gargellen wurde unterdessen durch die Schafbergllfte zeitgemäß erschlossen. Und hat sich dennoch einen gehörigen Schuß Romantik bewahrt. Seien es die herrlichen Hänge unter den Gipfeln und Graten, die Gargellens geschichtsträchtige Grenze bilden, sei es die Möglichkeit, diese Grenze auf Skiern zu überqueren - beispielsweise auf der Madrisa-Rundtour -, oder sei es das Wissen um ebendiese Geschichte - und die Fantasie, die sie lebendig werden läßt, die dem Dorf am Weg zu den Paßhöhen seinen unvergleichlichen Nimbus verleihen?

Wie alle öffentlichen Einrichtungen, die während seiner fünfunddreißig Jahre - seit 1948 - als Seelsorger in Gargellen entstanden sind, hat Pater Basillus auch die Liftanlagen kirchlich geweiht. Eines Tages, es war gegen Saisonende, da zum guten Glück die Pisten schon frühlinghaft aufzuweichen begannen, wunderte sich ein Schleppliftfahrer auf dem Weg zu den Gargellnerköpfen über eine vor ihm fahrende, merkwürdige, weil in eine Kutte gehüllte Gestalt, die, bei der Bergstation angekommen, mit einem spektakulären Sturz aus dem Lift flog. Der verdutzte Skifahrer half beim Aufsammeln von Ski, Stöcken, Brille und - seltsamerweise - einer vollgefüllten Flasche. Sie war Pater Basillus - um niemand anderen handelte es sich nämlich - bei seinem Sturz aus der Kapuze gefallen, nachdem er zum ersten und einzigen Mal in seinem Leben auf Skiern unterwegs war. Die Flasche enthielt das Weihwaser, mit dem er den neuen Lift zu segnen gedachte. Vom aufregenden Geschehen gänzlich unbeeindruckt, schüttelte der Kapuzinerpater den Schnee aus der Kutte und nahm dann seine kleine Zeremonie vor, ganz für sich allein, beförderte die nunmehr leere Flasche wieder in die Kapuze, schulterte die Skier und ging zu Fuß zurück ins Tal, wie er dies seit Jahr und Tag getan hatte.