Ein wichtiges Moment in der nun schon über hundertjährigen Geschichte des Hotels Madrisa war das Auftreten der Tirolerin Midy Karl, 1933 als Gebieterin der Warenausgabe und schon ein Jahr später als Midy Rhomberg Chefin des Hauses. Freundlich, zierlich, willensstark, ruhender Pol und treibender Motor zugleich, prägte sie das Geschehen in Familie, Betrieb und Dorf.

Die Madrisa-Chefin war eine starke Frau, die Nackenschläge auszuhalten wußte. Mit ihrem Mann hatte sie die krisengeschüttelte Zeit der Tausendmarksperre und der Kriegsjahre - mit damit verbundenen Zwangseinquartierungen, Grenzsicherung, Kinderlandverschickung und schließlich Besatzung - überstanden und gerade begonnen, den Hotelbetrieb wieder auf Vordermann zu bringen, da starb 1947 Bertram Rhomberg und im darauffolgenden Jahr ihr jüngster Sohn, der vierjährige Bertram jun.

Des Unglücks nicht genug, brannte 1949 das zum Madrisa gehörende „Posthüsli" mit Lebensmittelgeschäft ab und donnerte im Jänner des Jahres 1951 die verheerende Täscherlawine mitten in den Speisesaal. In all der Zeit waren ihre beiden „Großen", Robert und Hans-Karl, Schulbuben, die der Mutter mit vorerst noch geringen Kräften beistehen konnten.

Midy Rhomberg hielt es wie ihr verstorbener Mann, sie ging in ihrem Beruf auf und investierte in die Zukunft. 1949 baute sie den ersten Schlepplift in Gargellen und war drei Jahre später Gründungsmitglied der Gargellner Seilbahn GmbH., engagierte ein Hausorchester und gründete ein Sportgeschäft. Schritt für Schritt erneuerte und vergrößerte sie das Hotel und damit sein Prestige, baute 1959 das neue „Posthüsli" mit Spar- und Sportgeschäft sowie Verkehrs- und Skischulbüro.

Im Posthüsli regierte Ludwig Vallaster, der Postmeister. Ludwig war ein Phänomen. Ein Bergbauernbub aus St. Gallenkirch, der sich neben seiner täglichen Schwerarbeit im Selbststudium nicht weniger als sechs Fremdsprachen angeeignet hatte und sich darüber hinaus mit Latein und Rätoromanisch befaßte, das in alter Zeit die Sprache der Montafoner war. Ludwig war Alpmeister und Bergführer und während der Wintermonate Skilehrer in Gargellen.

Postmeister wurde er 1939, kurz vor Kriegsausbruch. Kaum hatte sich das Gargellner Posthüsli dank seinem polyglotten Chef zum internationalen Auskunftsbüro gemausert, mußte Ludwig einrücken. Keine Frage, daß, wohin immer die aktuellen Ereignisse ihn verschlugen, er zumeist als Dolmetscher eingesetzt ward.

Nach den heil überstandenen kriegsbedingten Konfusionen wieder in Amt und Würden im geliebten Gargellen, startete er seine heimatkundliche schriftstellerische Tätigkeit. Richard Beitl, der Schrunser Dichter und Professor für Volkskunde in Berlin, hatte 1953 den „Montafoner Arbeitskreis" gegründet, der in der Folge Hunderte von Ludwigs so lehrreichen wie unterhaltsam geschriebenen Arbeiten veröffentlichte. Im Archiv des Montafoner Talschaftsmuseums sind sie alle gesammelt und nach Themen geordnet, ebenso seine Familienbücher, in denen 15.000 Familien mit zirka 60.000 Personen aus 241 Montaboner Geschlechtern - als Grundlage für rund 250 Stammbäume und 800 Ahnentafeln - verzeichnet sind.

Das Montafoner Heimatbuch, 1974 vom Stand Montaton herausgegeben, enthält nicht weniger als dreiundneunzig heimatkundliche Abhandlungen aus seiner Feder.

Ludwig Vallaster wurde mit der österreichischen Verdienstmedallle in Silber ausgezeichnet; und mit einer olympischen Medaille: Die erhielt er für seine Dolmetscherdienste während der olympischen Winterspiele 1964 in Innsbruck, wo er im „Olympia-Postamt" seines Amtes gewaltet hatte.

Midy Rhomberg, die umsichtige Hotel-Chefin mit knapp bemessener Freizeit, die nach Mitternacht noch ihre Korrespondenz zu erledigen pflegte und frühmorgens, oft schon um halb sieben Uhr, freundlich lächelnd und fröhlich winkend, abreisende Hotelgäste verabschiedete, liebte Bücher, Lesen, die Beschäftigung mit Literatur überhaupt. Sie war glücklich, wenn sie Schriftsteller zu Gast hatte, und mit einigen war sie herzlich befreundet.