So ließen in den Zwanzigern des 17. Jahrhunderts die Religionsstreitigkeiten des Dreißigjährigen Krieges die benachbarten Prättigauer und Montafoner zu erbitterten Feinden werden. Sie überfielen sich wechselseitig, raubten Roß und Vieh, mordeten, plünderten und brandschatzten die Dörfer. Auch der Spanische Erbfolgekrieg, zu Beginn des 18. Jahrhunderts, brachte immer wieder fremde Truppen ins Tal und im Zusammenhang damit horrende Unkosten für die Talbevölkerung. Und während der „Franzosenkriege" verteidigten die Montafoner unter ihrem legendären Landammann Batlogg am 24. März des Jahres 1799 das Schlappiner Joch erfolgreich gegen die französische Ubermacht.

Während des Zweiten Weltkrieges waren es politisch Verfolgte, die auf dem Weg übers Joch in die Freiheit zu gelangen suchten. Einer von ihnen, Claus Mayer aus Unley in Australien, feierte im Sommer 1989 im Hotel Madrisa das fünfundvierzigjährige Jubiläum seiner geglückten Flucht aus Hitler-Deutschland.

Der begeisterte Bergsteiger, während der Dreißiger einigemale Gast im Madrisa, diente bis 1944 als Offizier der deutschen Wehrmacht, als die damaligen Machthaber einen nichtarischen Großelternteil im Stammbaum seiner Eltern aufspürten. Die Eltern wurden in den Osten deportiert, der Sohn konnte sich aus Berlin absetzen. Vorerst bis Gargellen. Der Lastwagenfahrer, der ihn von St. Gallenkirch aus mitgenommen hatte, hielt nichts ahnend von der tödlichen Gefahr, in der sein Mitreisender sich befand - vor der Zollwache.

Kontrolle und Beschlagnahme des Reisepasses waren eins, kurz vor dem Ziel schien die Flucht zu Ende. Es spricht für die Zivilcourage von Bertram Rhomberg, daß er sich schützend vor seinen Gast stellte. Nach etlichem Debattieren gelangte der Paß schließlich wieder in die Hände seines rechtmäßigen Besitzers.

Noch war das Abenteuer nicht ausgestanden. Bei Nacht und Nebel - im wahrsten Sinn des Wortes - machte sich der Flüchtige auf den Weg übers Joch in die sichere Schweiz- und fand sich bei Tagesanbruch zu seinem Entsetzen wieder in Gargellen.

Wenig später startete Claus Mayer den zweiten Versuch. Es war eine schneehelle Nacht, in der er auf Anhieb den Weg ins friedliche Graubündner Dörflein St. Antönien fand, von dort zu Schweizer Verwandten gelangte und in der Folge nach Australien auswanderte, wo er zum angesehenen Geschäftsmann avancierte, der eine Menge österreichischer Produkte erfolgreich vertrieb.

Nicht jedem, der dem Grauen des Nazi-Terrors über die Gargellner Jöcher zu entkommen suchte, war solches Glück beschieden. Zivil-Courage war nicht jedermanns Sache, und es gab bedauerlicherweise - Verrat auch im Montafon. Eine Zukunft ohne Angst und Gewalt erhoffend, war ein junger russischer Emigrant in Wien, Jura Soyfert, der sich als Künstler der Zwischenkriegszeit bereits einen Namen gemacht hatte, auf seiner Flucht vor der Gestapo bis nach Gargellen gekommen. Für den heimlichen Pfad in die Rettung verheißende Schweiz hatte sich der Ortsunkundige heimischer Führung anvertraut - und wurde denunziert. Er geriet in die Fänge der Nazischergen und in der Folge ins Konzentrationslager Dachau, wo der hochbegabte Lyriker als eines von abertausenden Opfern des Holocaust einen erbärmlichen, sinnlosen Tod starb.

Daß die „grüne Grenze" gegen die Schweiz mit ihren vielen Gipfeln und Graten schwerlich lückenlos zu kontrollieren war, machten sich durch Jahrhunderte die Schmuggler zunutze. Zahllos und abenteuerlich sind die Erzählungen über die „Schwärzer", die sich einen Spaß daraus machten, auf ihren nächtlichen Schleichwegen über die Montafoner Pässe die „Finanzer" hinters Licht zu führen. Schon vor fast zweihundert Jahren, nämlich am 16. Juli 1803, sollte folgende Verordnung an die Vorsteher des Tales Montaton dem Schmugglerunwesen Einhalt gebieten:

„Um den sich hin und wieder schon ergebenen Unfügen zu steuren, und die ausgestellte Kordons-Mannschaft gegen Schwärzer zu sichern, ist durch k. k. Hofkriegsräthliche Verordnung verfüget worden, daß in den Fällen, wo Schwärzer bei ihrer Anhaltung sich den Wachen gewaltsam widersetzen, oder selbe gar mit Waffen, oder anderen gefährlichen Werkzeugen anfallen, die Wachen selbst nach dem Sinne des bestehenden Regulaments einen solchen Schwärzer auf der Stelle niedermachen können. "

Dessenungeachtet wurde fleißig weitergeschmuggelt, aus Freude am Abenteuer, oft aber auch aus Not: Kaffee und Tabak aus der Schweiz gegen die absolut wasserfesten österreichischen Lodenhüte, auch Hosenträger, Gummiband am Meter und sogar ganze Schafherden. Als „König der Schmuggler" galt der Klusthöny aus St. Antönien im Prättigau. Während des Ersten Weltkrieges - so wird erzählt - habe er das österreichische Heer über die Pässe mit Autoreifen beliefert.

Einmal, in Gargellen, hatte der Klusthöny Pech. Er lief den Finanzern in die Hände und wurde verhaftet. Er schien völlig erschöpft und ausgehungert, sodaß die gutgläubigen Zollbeamten ihn mit zum Essen ins Madrisa nahmen. Von dort gelang es ihm mit List und Tücke, auszurücken und die Zöllner auf seine Spur in Richtung Schweizer Grenze zu hetzen, derweil er, einen Haken schlagend, wieder im Madrisa auftauchte, sein Schmuggelgut auflud und nicht mehr gesehen ward.