Um die Jahrhundertwende bestaunten die Montafoner die ersten Skifahrer im Tal, und anno 1904, um die Weihnachtszeit, verzeichnet das Gästebuch im Madrisa erstmals Wintergäste. Von einer „Wintersaison" konnte aber noch keine Rede sein. Die läutete recht eigentlich der Skipionier Oberst Georg Bilgeri aus Bregenz ein, der sich nach Kriegsende ganz auf die bergsteigerische und skiläuferische Lehrtätigkeit verlegte. Schon während des Ersten Weltkrieges soll er Soldaten in Gargellen - mit vermutlichem „Stützpunkt" Madrisa, dessen Gästebuch 1915 fast ausschließlich Offiziere verzeichnet - im alpinen Skilauf ausgebildet haben. 1922 hielt er - im Stil der „Bilgeri-Schule" - die ersten öffentlichen Skikurse in Gargellen ab, 1925 gefolgt von einem weiteren Vorarlberger Skipionier, Viktor Sohm, der der Lehrer von Hannes Schneider, dem Begründer der Arlberg-Schule war, und 1930 von Professor Janner, dem Gründer des Bundessportheimes St. Christoph, der in Gargellen-lnnergampabing eine eigene Skischule, die Prof.-Janner-Schule, ins Leben rief.

Bilgeri war ein hochberühmter Mann, Mitbegründer der Bergrettung, wurde als Lehrer für den Alpinskilauf nach Schweden berufen, war Instrukteur und Organisator des Alpindienstes der türkischen Armee im Kaukasus, verbesserte die alpine Ausrüstung - etwa durch die nach ihm benannte Skibindung, den Bilgeri-Rucksack oder den Bilgeri-Eispickel - und war der Autor des seinerzeit weitverbreiteten Büchleins „Alpiner Schilauf und Schihochtouren". In Bregenz erinnert die Bilgeri-Kaserne an den großen Heimatsohn, den seine Vaterstadt mit einem Ehrengrab auf dem Friedhof Blumenstraße gewürdigt hat.

Der günstigen Voraussetzungen ungeachtet, war Schwarzhans als Unternehmer wenig Glück beschieden. Berning stellt über die Ursachen für dessen Bankrott anno 1903 so seine Vermutungen an: „Hatte er, von dem man erzahlt, er habe die Berghänge mit dem Fernglas nach den letzten Zirben für die Täfelung seiner Zimmer abgesucht, schlecht gewirtschaftet? Darf man glauben, daß seine zahlreichen Söhne seine besten Kunden gewesen sein sollen?"

Prof. Tschohls Schrunsführer von 1906 berichtet über das „Kurhotel z. Madrisa-Gargellen, 1474 Meter über Meer - Saison: 1. Juni bis 30. September: Das Hotel wurde 1904 von einem Konsortium angekauft und bedeutend vergrößert; besitzt 70 Zimmer mit 100 Betten, elektrische Beleuchtung, großen Speisesaal, Restaurationsräume, Veranda, Lese- und Billard-Zimmer, Bäder etc. Post und Telegraph im Hause. Die hohe, durch Berge gegen Westen und Norden sehr geschützte Lage, die saftigen Wiesen, die bis zur Höhe von 2100 Meter reichenden schattigen Wälder, die klare reine Luft bei mäßiger Temperatur, die wundervollen Spaziergänge, die reiche Auswahl von Bergtouren, machen GARGELLEN nicht nur zu einem Höhenluftkuhrort 1. Ranges der österreichischen Alpenwelt, vorzüglich geeignet bei Reconvaleszenz, Blutarmut, Nerverschwäche, Krankheiten der Respirationsorgane und für Erholungsbedürftige, Bleichsüchtige, Lungenschwächlinge, sondern auch zu einem sehr angenehmen Aufenthalt für Touristen und Sommerfrischler! - Lungenkranke finden keine Aufnahme."

Nach den Plänen des Bregenzer Architekten Willibald Braun hatte das Konsortium, dem neben der Brauerei Fohrenburg und einigen Vorarlberger und süddeutschen Textilindustriellen auch der Montaboner Standesrepräsentant Jakob Stemer angehörte, dem Hotel den wunderschönen, in kunstvoller Holzbauweise erstellten, den Ort dominierenden vierstöckigen „Neubau" mit elegantem Speisesaal hinzugefügt und darüber hinaus ein eigenes Elektrizitätswerk errichtet.

Daneben bestand nach wie vor- bis zu seinem Abbruch im Jahre 1980 - der sogenannte „Altbau", dessen urig-gemütliche, rauchdunkle Montatonerstube noch einen Teil der „Rößli"-Wand - isoliert mit Zeitungen aus napoleonischer Zeit - enthielt.

Der „Skilehrertisch" war das Herzstück der alten Stube; ein Montafonertisch mit Alterspatina, um dessen behäbiges Achteck durch Jahr und Tag, sonnverbrannt und wettergegerbt, bärtig und urtümlich, die alte Gargellner Skilehrer-Crew sich scharte, Karten spielend, debattierend, oft auch musizierend, allen voran Herbert Keßler, der Tilisuna-Hüttenwirt, der, mit der ihm eigenen komödiantischen Begabung, oft und gerne mit toll gelungenen, ergötzlichen Sketches aufzuwarten verstand.

Vom Konsortium, an das der reizende Spazierweg zur „Juilusruhe" - benannt nach dem Mitinhaber Julius Gaßner von der Brauerei Fohrenburg - erinnert, übernahm Geheimrat Mey aus Würzburg das Hotel Madrisa. Er engagierte 1929 den Dornbirner Hotelfachmann Bertram Rhomberg als Direktor und verkaufte ihm ein Jahr später das Hotel.

Bertram Rhomberg sen. war Hotelier mit Leib und Seele, weitgereist und beruflich viel erfahren in angesehenen Hotels in Taormina und Nizza, London und Südtirol. Er brachte Schwung in den Betrieb und „bestes Publikum" ins Haus, darunter etwa den Leiter des Deutschen Archäologischen Institutes in Konstantinopel oder den Verleger Brockhaus aus Leipzig mit Familie und - in der Zeit der Tausendmarksperre, da die deutschen Gäste weitgehend fernblieben - die Gouverneure von Malta und Tanganyika, Bonham-Carter und Frank mit Namen, auch den Leibarzt der Königin der Niederlande, Dr. de Vries, oder die Vorarlberger Landeshauptleute Ender und Winsauer . . .

Ludwig Vallaster bemerkt dazu: „Bald, als in Gargellen weitere Hotels entstanden, die weniger zahlungskräftiges Publikum . . . anzogen, mußten ,Madrisa'-Gäste feststellen: Man kann seinen Fotoapparat nicht mehr draußen hängen lassen".

Rhombergs Arbeitseinsatz war enorm, seine Privatkorrespondenz spricht davon Bände. So schreibt er: „. . . Obwohl hier das Haus nicht groß ist und kaum 100 Personen faßt, so ist die Arbeit doch eine ganz gewaltige, wenn man bedenkt, daß ich die ganze Arbeit nur mit einem jungen Sekretär, ohne Portier und Oberkellner bewältigen muß und täglich 18 Stunden und mehr im Dienst bin. " Und weiter: „Es gehört zu einem Berufe auch Idealismus und darf einem nicht immer nur der materielle Vorteil maßgebend sein . . . Ich stelle keine großen Ansprüche an das Leben und gehe in meinem Berufe auf, wenn ich arbeiten kann, wie ich es für gut finde."

Die Straße war Bertram Rhombergs größtes Problem: „lch sehe keine Möglichkeit, aus dem Hotel das zu machen, was ich möchte. Der größte Nachteil ist das Fehlen einer anständigen Straße."

Kein Wunder. Schon Ludwig von Hörmann hat Gargellen mit einem Kaiserschloß verglichen, zu dem als Zugang eine Hühnerleiter führt.

Die dornenreiche Zeit dieser „Hühnerleiter" führt uns Madrisa-Chronist Winfried Berning so anschaulich wie amüsant vor Augen: „Die alte Straße führte damals über die Maisäß Rüthi und den Platina-Stutz; Autos - das erste erreichte Gargellen anno 1923, gesteuert vom Bregenzer Textilfabrikanten Sannwald - und Pferdefuhrwerke hatten arg zu keuchen. Vom Treiben der Fahrer und Fuhrleute gibt es Geschichten, die von einer Zeit zeugen, da mangels der differenzierten Genüsse der neuen Zeit der Alkohol bevorzugter Freudenspender war. Bertram Rhomberg konnte nie sicher sein, ob das Blockeis, mit dem in der Speisekammer gekühlt wurde, ihn rechtzeitig erreichte: Der Transport machte im Gasthof Reutehorn gern und gründlich halt, und ,Madrisa' kam bestenfalls in den Genuß von Eiswasser."

Aber schon im September 1931 konnte Irene Rhomberg ihren Sohn brieflich beglückwünschen: „lch gratuliere Dir zum im kommenden Winter einsetzenden Motorschlittenverkehr. Mit sehr viel Ausdauer und Arbeit hast Du nun die Sache doch erreicht und ist dies Deinem Unternehmen von sehr grossem Vorteil."

Dieser Motorschlitten mit Kufen und Raupen, mit Sitzplätzen für etwa zehn Personen, verbrauchte aufgrund der enormen Steigungen von Schruns bis Gargellen fünfundvierzig Liter Benzin, und eigentlich war er von der französischen Firma Citroen für die Sandpisten der Sahara konstruiert worden. Ab dem folgenden Sommer befuhren auch Postbusse die „Straße" nach Gargellen, die in jenen Jahren noch weit eher dem alten Handelspfad glich, der die Säumer mit ihren Trossen und die Viehhändler mit ihren Herden auf den Weg über den Paß führte; und nicht selten auch Kriegsvolk.