„AN LANDSTRASS UND SÖMERSTEIG“ - HOTEL „MADRISA“ IN GARGELLEN

Bronzezeitliche Lanzenspitzen und axtähnliche, als Werkzeug wie als Waffe dienende "Paalstäbe", gefunden auf Vergalda und am Schlappinerjoch, erhellen das geheimnisvolle Dunkel prähistorischer Zeit und erzählen von diesem Paß als Verkehrsweg wie als Kriegsschauplatz zwischen dem Montafon und Graubünden schon vor Tausenden von Jahren.

Jahrhundertelang war der Paßübergang, der in einem Gerichtsentscheid des Jahres 1779 gar als "Hauptstraße" bezeichnet wird, die viel begangene Verbindung zwischen Vorarlberg und Oberitalien und der kürzeste Weg vom Bodensee zum Comersee und weiter nach Mailand.

Unzählige Saumlasten Handelsgüter und über tausend Stück Vieh waren jährlich auf dem Weg vom Montafon ins Prättigau. Aus dem Veltlin - durch das Puschlav und das Engadin nach Klosters im Prättigau und über das Schlappinerjoch - kam auf schwerbeladenen Saumrossen der Wein ins Tal und weiter bis in den Bodenseeraum. In der Gegenrichtung folgt heute der traumschöne Weitwanderweg "Via Valtellina" den Spuren der Säumer.

Ausgangspunkt ist das sonnige, schneesichere, ungemein reizvolle Tourismusdorf Gargellen, rund 1500 Meter hoch im oberen Gargellental - der Grenze zwischen Rätikon und Silvretta - im Gemeindegebiet von St. Gallenkirch gelegen. Noch vor wenig mehr als hundert Jahren wies der einstige Maisäß gerade fünf ganzjährig bewohnte Anwesen auf. Der rege Paßverkehr hatte allerdings schon seit Jahrhunderten zwei Säumerherbergen zur Folge: die "Herberg im Vergalda", auch "Wirtshaus zum weißen Kreuz" oder "Osteria da Croce bianca" genannt, dessen getäfelte Stubendecke das alte Wirtshausschild mit der Jahreszahl 1782 ziert, und das "Zuggawaldhus", dessen Kellergewölbe im ganzen Tal nicht seinesgleichen findet. In den Hausbrunnen eingemeißelt ist die Jahreszahl 1602 und das Hauszeichen.

Schon zu Beginn des 15. Jahrhunderts wird von einer Kapelle am rechten Ufer des Suggadin berichtet, in der Messen gelesen wurden. Das heutige Gargellner Kirchlein geht auf das Jahr 1611 zurück. kaum fertiggestellt, wurde es von den feindlichen Prättigauern geplündert und verwüstet und 1644, nach seiner Renovierung, vom Churer Bischof Johann Vl. geweiht. Fünf Jahre später schuf David Bertle aus St. Gallenkirch, ein Vorläufer der berühmten Montafoner Künstlerfamilie, den volkstümlichen Sebastiansaltar.

Und dann war da noch eine kleine Säumerschenke, "Rößli" mit Namen, gleich neben dem Kirchlein gelegen. Heimatforscher Ludwig Vallaster zufolge war Johann Josef Bahl aus altem Montafoner Geschlecht der erste nachweisbare Wirt dieses Gasthäusleins, das der Schrunser "Frankreichgeher" Franz Xaver Schwarzhans anno 1875 von Thomas Tschofen erwarb. Schwarzhans baute 1889, anstelle des "Rößli", das erste richtige Hotel - mit fünfzig Betten - in Gargellen. Er gab ihm den klangvollen Namen des Gargellner Wahrzeichens, der mächtigen, talbeherrschenden Madrisa.

Der Erholungsurlaub kam in Mode. Die Klientel des Hotels Madrisa reiste aus London, Rotterdam und Neapel, aus Böhmen und Deutschland an; aus Tiflis in "Transkaukasien" kam ein Herr N. Orlowsky, aus Paris ein M. Boeglin und aus Basel ein Professor der Zoologie mit Studentengruppe und Bergführer. Aber auch die späteren Erbauer der Gargellner Sommerhäuser - ab 1900, zumeist Vorarlberger und auch Schrunser Familien, wie etwa die "Kronen-Mayers" - waren ursprünglich Madrisa-Gäste.

Von Ludwig Schreiber, dem Verleger aus Eßlingen und großen Montafon Freund, der in der Einleitung zu diesem Band in seinen "Erinnerungen eines Sommergastes" zu Wort kommt, hatte der Bregenzer Fabrikant Richard Sannwald sen. das schöne Walserhaus erworben, dessen seinerzeit ganz unübliche Raumhöhen sich dem Gardemaß seines Erbauers verdanken.

In den unterhaltsamen, auf frühen Gästebüchern basierenden Aufzeichnungen des langjährigen Madrisa-Stammgastes Winfried Berning begegnet uns auch Hans Bertle wieder, der Schrunser Maler in München. Berning schreibt: "1901 sind dann schon - zwischen dem 25. Mai und dem 3. Oktober- 384 Gäste verzeichnet. Die Eintragungen . . . dringen gelegentlich in den Bereich der Gipfel- und Gästebuchpoesie vor. Professor Bertle von der DÖAV-Sektion München erscheint mit ,lieblichen Mädchenblumen'; unter diesen chrakterisiert die ,Privatiere' Rosel Adam ihren Professor verschämt in Gabelsberger Kurzschrift als ,das Allerbeste wohl auf dieser Welt'."

Dr. Karl Blodig, der bekannte Bregenzer Augenarzt, Bergsteiger und Alpinschriftsteller, der sämtliche Viertausender der Alpen - einige von ihnen als erster - erstiegen hat, logierte im September des Jahres 1900, „von Gafiers übers Mädrishorn 2803 nach 1611, dann Madrisa 2774 und über Valzifenz nach Gargellen" kommend, im Madrisa, begleitet von seiner Familie und dem englischen Landschaftsmaler und Bergkameraden E. T. Compton.